Aufbruch und Ankunft im Odenwald

Wieviel Heimat braucht der Mensch im globalen Dorf?

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts kann der Mensch seiner Heimat wieder viel positives abge­win­nen, doch es gibt auch eine andere - eine dunkle Seite des Heimatgefühls. Deutschland er­ar­bei­tete sich seinen Platz in der Welt und verlor ihn zugleich wieder, als beim public viewing plötzlich Reichskriegsflaggen geschwenkt wurden. Vollpfosten schrieben Bücher über Kopf­tuch­mäd­chen; Debatten über Leitkulturen und Lehrerinnen mit Kopftüchern. Heimat wurde wieder überhöht, verklärt, verkitscht und von Ideologen missbraucht. Kaum ein anderes Wort geriet heftiger zwischen die Mühlsteine von Moral und Weltpolitik.

Warum das Phänomen 'Heimatrausch' regelmäßig geschieht ist unbekannt. Wurde das wieder vereinte Deutschland von einem neuen kollektiven Heimatgefühl erfasst? Das Gegenteil gilt als wahrscheinlicher, denn die Atmosphäre in der nun grösser gewordenen Wohnstube ist unge­müt­lich geworden und die Wärme der Kaminfeuer erreicht nicht alle.

Heimatrausch

Heimatdämmerung

Aufbruch und Ankunft im Odenwald

Es ist als seien die Fenster in der Firmenzentrale der Deutschland AG lange nicht mehr zum Lüften geöffnet worden, weil es bequemer schien sich mit dem Erreichten zu begnügen. Gleichzeitig stehen die Werkstore sperrangelweit offen durch die eine scharfe Zugluft weht: Auf der einen Seite wehen Investitionen und Arbeitsplätze hinaus, auf der anderen aus­län­dische Arbeitsmigranten hinein. Heimat kann vielen Geborgenheit und Stabilität vermitteln - andere wiederum erleben sie als muffiges Verlies ohne Chance auf einen Ausweg sein Leben selbstbestimmt zu gestalten.

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20 Jahre Deutsche Einheit haben die Bevölkerung nicht vereint sondern neu aufgeteilt. Diesmal nicht nur in Ost und West sondern gründlich und mehrschichtig: in Oben und Unten, Arm und Reich, Alt und Jung, Links und Rechts, Manager und Maurer, Kranke und solche die nur noch nicht gründlich genug untersucht wurden. Deutschland 2013 erinnert mich mehr an eine Bahn­hofs­kneipe nachts um halb drei; wo sich Menschen zwangsläufig begegnen die nicht mehr mit­ein­an­der verbindet als das Warten auf den ersten Zug am Morgen und der Suff.

Wo eigentlich eine Wohnstube sein sollte in der man Gäste begrüßt und Freunde bewirtet streifen links- wie rechtsradikale Werber umher, um die verirrten Schafe der Globalisierungs­herde an sich zu binden, indem sie ihnen die Wiederherstellung 'ihrer Heimat' versprechen, als könnte man die Zeit zurückdrehen wie ein Backup des Betriebssystems. Ein Schaf sieht nur zwei Meter weit. Zwei Meter weiter sieht es frisches Grün und so kommt es weiter und weiter vom Weg ab.

In solch einem Deutschland, einem frostig gewordenen Heim, sucht man nach warmen Winkeln. Nach einem Mansardenstübchen mit Kachelofen wo man dem eisigen Gegenwind entgehen und Kraft tanken kann, um ihm dann umso standhafter die Stirn zu bieten.