Aufbruch und Ankunft im Odenwald

Wieviel Heimat braucht der Mensch im globalen Dorf?

Nach den Nagetieren stellen Fledermäuse mit fast 1000 verschiedenen Arten die artenreichste Gruppe innerhalb der Säugetiere. Schon kurz nach dem Ende der Dinosaurier vor ca. 65 Mio. Jahren gab es Fledermäuse in der uns heute bekannten Form. Die am besten erhaltenen Versteinerungen voll ent­wickelter Fledertiere wurden in der weltberühmten Grube Messel bei Darmstadt gefunden.

Fledermäuse haben keine Flügel, denn sie fliegen quasi mit den Händen. Zwischen den ver­längerten Fingerknochen spannt sich eine Haut bis zum Hals und zu den Hinterbeinen und darüber hinaus bis zum Schwanz. Nur der Krallen bewehrte Daumen dient dem Festhalten an unebenen Oberflächen und ist nicht in die Flughaut eingespannt. Eine Knochenspange an der Ferse dient dem Stützen und Spannen der Flughaut.

Ernst Haeckel's Kunstformen der Natur ('Artforms of nature', 1904)

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Die Hufeisennasen-Fledermäuse heissen so, weil ihre Nase die Form eines Hufeisens hat. Da­durch kann man sie sehr leicht von den Glattnasen-Fledermäusen unterscheiden, die ihren Namen wegen ihrer mausähnlichen glatten Nase erhalten haben.

Fledermäuse

Im Sommer bewohnen Fledermäuse die Dachböden von Kirchen, Scheunen oder anderen Ge­bäu­den mit offener Bauweise. Im Siedlungsbereich sind hauptsächlich die kleine Zwerg- und die größere Breitflügelfledermaus anzutreffen. Dort sind sie gerne hinter Wandverschalungen, im Zwischendach oder einfach hinter Fensterläden zu finden. Als 'unheimliche Schreck­ge­spen­ster' tauchen Fledermäuse gelegentlich auch einmal in der Wohnung auf, etwa hinter einem gekippten Fenster an den Gardinen hängend.

Vollmond

Andere Fledermausarten bewohnen z. B. verlassene Spechthöhlen oder Höhlen in faulen Bäu­men, in denen sie auch überwintern. Die die Mehrzahl verbringt den Winter jedoch lieber in tiefen Höhlen oder Stollen. Nistkästen sind nur ein schlechter Ersatz, denn wenn sie versuchen den Winter darin zu verbringen erfrieren sie meistens.

Europäische Fledermäuse ernähren sich in erster Linie von nachtaktiven Fluginsekten, er­beu­ten aber auch Raupen und am Boden laufende Käfer und andere Bodentiere. Wer sie in Sied­lungs­nähe bei der Jagd beobachten möchte, sollte sich an warmen Sommerabenden zu einem Teich, Weiher oder See begeben und bei Einbruch der Dunkelheit gegen den noch leuchtenden Himmel schauen, denn dann sieht man sie plötzlich lautlos und scheinbar ziellos über dem Wasser und Ufer umher flattern.

An dichtere Vegetation gebundene Fledermäuse jagen niedrig über Waldwegen, Lichtungen und Waldwiesen, Schnellflieger mit langen schmalen Flügeln oberhalb von Baumkronen und über Seen und Teichen. Auch in unmittelbarer Nähe des Menschen finden sich geeignete Re­viere wie z. B. an Straßenlaternen, die mit ihrem Licht Nachtinsekten anlocken.

Schon im 18. Jahrhundert entdeckte der italienische Naturforscher Lazzaro Spallanzani (1729 - 1799), dass Fledermäuse zwar in absoluter Dunkelheit fliegen konnten, aber mit verschlos­sen­en Ohren die Orientierung verloren.

Townsend-Langohr Fledermaus

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Mit ihrem Orientierungssystem der Echo-Ortung können Fledermäuse Beute und Hindernisse ausfindig machen und sogar deren Entfernung abschätzen. Dabei werden Rufe im Ultra­schall­bereich in regelmäßigen Abständen ausgestossen und von der Umgebung als Echo zurück­ge­worfen. Hört die Fledermaus das Echo, weiß sie, dass da Beute ist und kann darauf zu­steu­ern oder Hindernissen ausweichen.

Ist die Beute geortet wird die Häufigkeit der Ortungsrufe erhöht, damit diese trotz eventueller Ausweichmanöver nicht entkommt. Bis zu 200 Rufe in der Sekunde sind bei Annäherung an die Beute für einen kurzen Moment möglich. Kurz vor dem Fang sinkt die Frequenzhöhe allerdings plötzlich ab und kann auch von uns Menschen als kurzes Summen wahrgenommen werden.

Die Beute ist jedoch nicht ganz hilflos, denn Nachtfalter z. B. hören mit ihrem Tympanalorgan die Ortungsrufe einer Fledermaus und versuchen zu entkommen, indem sie sich blitzschnell fallen lassen oder die Richtung ändern.

24 Fledermausarten kommen in Deutschland vor, nur zwei davon gelten derzeit als unge­fähr­det. Die Tiere leiden stark unter der intensiven Land- und Forstwirtschaft, die z. B. durch den Einsatz von Insektiziden ihre Nahrungsgrundlage vernichtet. Gleichzeitig verschwin­den ihre Lebensräume, und viele traditionelle Quartiere fallen der Säge oder Gebäudesanierung zum Opfer. Auch giftige Holzschutzmittel haben schon ganze Fledermauskolonien ausgelöscht.

Eulenturm

Selbst gut gemeinte Initiativen werden Fledermäusen gelegentlich zum Verhängnis. Vogel­nist­kästen aus Holzplatten sind für ihre gefiederten Bewohner relativ ungefährlich, weil diese mit einem kräftigen Sprung und Flügelschlag leicht das Flugloch erreichen können. Fleder­mäuse hingegen scheitern an den meist glatten Innenwänden der Holzkästen. Einmal ein­geflo­gen ver­suchen sie vergeblich mit ihren Daumenkrallen Halt zu finden und gehen schliesslich er­bärm­lich zugrunde.

Zahlreiche Naturgruppen engagieren sich für den Schutz der Fledermäuse. Sie erfassen und sichern Sommerquartiere und errichten Winterquartiere. Sie bergen verunglückte und ge­sch­wäch­te Tiere und päppeln sie wieder auf.

Fledermausarten, die ursprünglich in Naturhöhlen überwintern, hatten lange Probleme sich zu behaupten, denn viele Höhlen waren im Winter zu kalt und die wenigen frostsicheren Höh­len wurden von vielen Arten und tausenden Tieren gleichzeitig genutzt.

Menschliche Bauwerke boten jahrhundertelang Ausweichmöglichkeiten, denn Berg­werks­stol­len, Burgen und Kirchen, Scheunen und Werkhütten ermöglichten eine Über­win­ter­ung bei si­cheren Temperaturen.

Baumbewohnende Fledermäuse, die in tiefen Höhlen alter, mächtiger Bäume oder Felsspalten überdauern können, besetzten Hohlräume in dicken Mauern und Dachböden, die aufgrund der aufsteigenden Wärme des Hauses mehr oder weniger frostfrei bleiben.

Diese fledermausfreundliche Zeit wurde im 20. Jahrhundert unterbrochen, als man begann, alte Stollen und Kellergewölbe als Gefahrenquellen zuzumauern, alte Bauwerke abzureißen oder zu 'modernisieren' (also nach außen zu versiegeln) und Neubauten ohne Zugänge zu errichten, um den Wärmeverlust zu unterbinden. Gleichzeitig fielen einer ebenfalls 'moder­ni­sier­ten' Forstwirtschaft die ökologisch so wichtigen uralten Baumriesen zum Opfer.

Heute bedarf es großer Anstrengungen, um insbesondere den wärmeliebenden Arten das Über­wintern in unseren Breiten zu ermöglichen.